Lassen Sie uns heute unseren aufrichtigen und geschätzten Mitbürger Walter Wurm zu seinem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis begleiten. Dieser Ausflug könnte von daher interessant werden, da Herr Wurm, gegen den allgemeinen Trend, noch zu den wenigen Menschen in Deutschland gehört, die Lohn für Ihre Arbeit erhalten.
Ein moderner, junger Praktikant (erschrocken): Was? Der Mann wird für seine Arbeit bezahlt? Und das geschieht hier in Deutschland, vor unserer Haustüre, ohne dass jemand eingreift? Eine Schande ist das!
Bewahren Sie doch bitte Ruhe. Herr Wurm erhält für seine Vollzeittätigkeit doch nur eine kleine Aufwandsentschädigung, wovon er auf keinen Fall menschenwürdig leben kann.
Ein moderner, junger Praktikant (beruhigt): Puh, da ich aber froh. Ich habe schon von solchen Leuten gehört, solchen Nicht-Praktikanten, aber man glaubt ja immer, das würde es nur im Fernsehen geben. Nicht auszudenken, dass so jemand unerkannt in der eigenen Nachbarschaft wohnen könnte.
Im Vertrauen, Herrn Wurms Arbeitsplatz ist doch schon auf dem Weg nach China, der gute Mann weiß nur noch nichts davon, damit er sich nicht um seine 4 Kinder sorgt, das hemmt nämlich die Produktivität.
Ein moderner, junger Praktikant (erleichtert): Buddha sei Dank. Es ist enorm wichtig, global zu denken und Chinas Wirtschaft auf die Beine zu helfen und zu stärken.
Warum?
Ein moderner, junger Praktikant (überlegend): Weil […] es eben wichtig ist.
Ich helfe Ihnen mal auf die Sprünge. Chinas wirtschaftlicher Erfolg ist aus dem Grunde enorm wichtig, da nur so gewährleistet ist, dass Herrn Wurms Arbeitsplatz von Oberniederhausen im Hunsrück ohne große Überbrückungsschwierigkeiten nach Peking verlagert werden kann.
Die geschätzten Großunternehmer unter uns sollten sich wegen Herrn Wurms Schicksal auch keinesfalls mit Selbstvorwürfen quälen, denn er hätte ab der nächsten Woche sowieso freiwillig auf sein Gehalt verzichtet (Beschäftigungsgarantie usw.). Ein braver Deutscher möchte nämlich ausschließlich arbeiten und auf gar keinen Fall Geld verdienen. Auch die drei allein erziehenden Mütter, denen Sie heute Morgen fristlos gekündigt haben, sollten Sie auf keinen Fall davon abhalten, eine kleine Insel vor Dubai zu kaufen, denn die Muttis finden sicherlich schnell eine neue Arbeit. (jede Firma möchte allein erziehende Mutter haben, die kosten schließlich wenig und arbeiten viel)
Das Kapital (brüllend): Das Pack ist doch stinkfaul. Immer nur bumsen und Balgen in die Welt setzen und dafür auch noch Geld für Essen und Wohnung haben wollen. Hat denen etwa niemand gesagt, dass die trendbewusste Familie von Heute nicht mehr isst? Denn wer die Zeit mit Essen vertrödelt, der kann nicht arbeiten. Ich sage Ihnen, die Galeere fährt nur, wenn der Praktikant die entschlossene Peitsche seines Herrn im Kreuz spürt. Urlaubsgeld, Freizeitausgleich, Mutterschutz, das fördert doch nur Drückebergerei und Faulheit. Kündigungsschutz, Arbeitszeitregelungen und Mindestlöhne, das sind die Krankheitskeime, die unsere Gesellschaft zerstören. Warum sollte das Pack überhaupt Lohn bekommen? Lohnzahlung ist doch überhaupt nicht mehr zeitgemäß, oder?
In China natürlich nicht oder zumindest nur bedingt. In Deutschland gibt es hingegen noch immer Vereinzelte, die Essen und Trinken möchten, aber das ist mittlerweile eine zu vernachlässigende Minderheit. In China dagegen ist man einfach nur dankbar für Arbeit.
Das Kapital(verblüfft): Glauben Sie das wirklich?
Selbstverständlich, denn wer nicht Lesen und Schreiben kann, weiß auch nicht, wie das Wort, Arbeitnehmerrechte geschrieben wird. Jugendschutz gilt dort nur für Ungeborene, denn ab der Geburt ist man voll erwerbsfähig! Zwei China-Taler Tageslohn sind völlig ausreichend, damit eine Durchschnittsfamilie drei Tage in einer Wellblechhütte hausen kann, bevor sie von den örtlichen Kommissaren mit der Peitsche davongejagt wird. Das Wort Gewerkschaft ist dort noch ein Schimpfwort
Das Kapital (euphorisch): Das ist ja noch besser als ich dachte! Aber muss ich die 2 China-Taler Lohn pro Tag denn auch wirklich auszahlen?
Ich bitte Sie! Wer soll das denn überprüfen? 14 Tage unentgeltliche Arbeit im Monat gehören dort zum guten Ton.
Das Kapital (skeptisch): Und was ist mit den übrigen zwei Wochen?
Ich glaube, daran lässt sich auch noch etwas drehen
Das Kapital (vor Glück strahlend): Bei der Kinderarbeit auch?
Die Kinder bekommen selbstverständlich überhaupt keinen Lohn! Wer würde denn Kindern schon Lohn bezahlen? Das Auszahlen von Lohn an Minderjährige ist ja schon fast ein Verstoß gegen die guten Sitten.
Das Kapital (weinend vor Glück): Müssen die Kinder erst zur Schule oder können sie bereits ab vier Uhr morgens mit der Arbeit beginnen?
Schule, Lesen, Bildung. Pfui, das sind schlimme Wörter, die sie besser schnell wieder vergessen. Wer lesen und schreiben kann, der kommt irgendwann auch auf dumme Gedanken und verlangt nach staatlichem Schutz oder nach Gewerkschaften. Warum sollte denn jemand, der sowieso nur eine 6 Wochen Lebenserwartung in der Firma hat (die ungeschützte Arbeit mit Giftstoffen schädigt leider auch die Gesundheit des ehrgeizigsten Chinesen), lesen und schreiben können?
Das Kapital (endgültig überzeugt): Das ist wohl richtig. Aber da wäre noch eine Sache. Wie schaffe ich es denn nun bloß, Herrn Wurm aus der Firma zu bekommen, ohne ihm eine Abfindung in Höhe von 35 Euro zahlen zu müssen? Er hat ja Kinder. Glauben Sie, das könnte man irgendwie gegen ihn verwenden?
Das mit den Kindern wird schwierig, aber werfen Sie Herrn Wurm doch Begriffe wie Global-Player, Eigenkapitalrendite, Absatzschwierigkeiten auf dem heimischen Markt, Lohnnebenkosten usw. an den Kopf. Die Bedeutung dieser Wörter versteht er zwar nicht, aber wenigstens erreichen Sie damit, dass er sich schuldig dabei fühlt, eine Brotmarke pro Stunde zu verdienen (Bei 3 unbezahlten Überstunden/Tag), während der operative Gewinn des Unternehmens nicht um 2950 % (gegenüber dem Vorjahr) auf nunmehr 796 Milliarden Euro gesteigert werden konnte. Hätte Herr Wurm nur eine Brotmarke pro Tag verdient, wäre das operative Ziel nicht um 26 Euro verfehlt worden. Noch glanzvoller wären die Zahlen natürlich, würde Herr Wurm bloß eine Brotmarke monatlich erhalten oder noch besser, wenn er 2 Brotmarken pro Stunde bezahlen müsste, um weiterhin arbeiten zu dürfen.
Das Kapital (kichernd): Die 2 gezahlten Brotmarken an den Arbeitgeber, sozusagen als Arbeitsplatzbereitstellungsprämie, sind zwar eine nette Idee, aber Herr Wurm müsste mindestens 74 Euro pro Arbeitsstunde an die Firma überweisen, um unsere Investoren einigermaßen zu befriedigen. Sehen Sie eine Möglichkeit, das durchzusetzen?
Prinzipiell ja, aber es ist doch viel sinnvoller, ihn loszuwerden, bevor er noch um einen Ausbildungsplatz für seine Kinder anfragt.
Herr Wurm hat doch zurzeit den Posten eines Sachbearbeiters inne. Erheben Sie ihn doch einfach in den Rang eines BusinessSuperVisorAssistentWorker`s`4yu.
Das Kapital (unsicher): Und was soll das sein?
Das weiß natürlich niemand so genau. Wahrscheinlich hat der Titel auch keine Bedeutung. Wichtig ist jedoch, dass Herr Wurm nach der Ernennung eine blaue Karte mit seinem Namen, eine gelbe Kappe mit einem lachenden Kaninchen und eine grüne Krawatte mit einer Weltkugel darauf tragen muss. (wobei natürlich alle Mitarbeiter diese grüne Krawatte tragen sollten.)
Das Kapital (noch immer unsicher): Und was genau bewirken diese Veränderungen?
Die Krawatte schafft natürlich flache Hierarchien (Ich bin wie Ihr, ich verdiene auch kein Geld), die blaue Karte berechtigt ihn, auch nach Feierabend die Storemanagerfloor-Toilette
benutzen zu dürfen und die Kappe sieht einfach nur gut aus und hat keine Funktion.
Das Kapital (ungeduldig): Ja, aber das schafft mir Herrn Wurm noch immer nicht vom Hals.
Doch! Schafft es doch! Herr Wurm muss natürlich einen Änderungsvertrag unterschreiben, worin er mit der Toilettenvollmacht und weiteren deutsch-englischen Schwachsinnsbegriffen ausgestattet wird. (Eine Kombination aus Zahlen und Buchstaben in Verbindung mit einem Apostroph wirkt hierbei wohl besonders weisungsberechtigend). Herr Wurm könnte dann neben seiner Aufgabe als BusinessSuperVisorAssistentWorker`s`4yu. auch Spacefloormaster`sergeantn8powerseller sein. Hinter diesem Begriff steckt natürlich keinerlei zusätzliche Befugnis, aber er macht sich gut in jeder Bewerbung und die braucht Herr Wurm auch schon bald, denn neben den üblichen Drohungen (Falls Sie mit jemandem darüber reden sollten, welche Farbe die Türklinke der Firmeneigenen Abstellkammer hat, dann […] Kündigung […] Konventionalstrafe […] 1 Millionen Euro Schadenersatz) findet Herr Wurm natürlich auch eine kleine Zusatzklausel im Vertrag, die er nicht genau verstehen wird.
Herr Wurm (unsicher): Chef, könnten Sie mir diese Klausel bitte genauer erklären?
Das Kapital (zornig): Die ist doch selbsterklärend […] alles selbsterklärend […] ich verstehe die Frage jetzt nicht, das ist eben selbst-er-klä-rend.
Herr Wurm (zögerlich): Ah, ich verstehe [...] selbsterklärend.
Dann überlassen wir es der Zusatzklausel doch einfach mal, sich selbst zu erklären.
Eine kleine goldige Zusatzklausel (nicht unfreundlich): Sollte die Sonne auch morgen Früh wieder aufgehen, so ist der Arbeitgeber berechtigt, das Arbeitsverhältnis ohne Nennung von Gründen oder Setzung von Fristen einseitig aufzukündigen. Die hierbei entstehenden Kosten, den Betrag kann der Arbeitgeber frei bestimmen, sind in voller Höhe vom Arbeitnehmer zu tragen. Die seit Beginn des Arbeitsverhältnisses gezahlten Vergütungen an den Arbeitnehmer sind in doppelter Höhe an den Arbeitgeber zurückzuzahlen (Rückwirkend für mindestens 15 Jahre Betriebszugehörigkeit). Der Anspruch auf Abfindungen im Kündigungsfall entfällt vollständig.
PS: Wenn Sie diese Klausel gelesen haben, werden automatisch 50 Euro Lesegebühr von Ihrem Konto abgebucht.
Herr Wurm ist unsicher, ob die neuen Vertragsgegenstände wirklich rechtens sind, er freut sich jedoch auch gleichzeitig über seine vielen neuen Titel und Bezeichnungen, die mit der Änderungskündigung verbunden sind.
Herr Wurm (beeindruckt): Na, wenn sich das Kapital sicher ist, dass dieser Vertrag gut für mich ist, dann wird es ja wohl auch so sein. Mein Chef ist schließlich MastermanandMicevisorof´arts, der weiß besser, was zu tun ist. .
Sie haben vollkommen Recht, denn er weiß es auch einfach besser. In dem Moment, wo Herr Wurm unterschreibt, öffnet sich die Türe und ein kleiner, sehr ulkig wirkender Chinese mit einem kleinen gelben Hut tritt ein. (Er heißt übrigens Herr Ping)
Herr Ping ist sehr zuvorkommend und verneigt sich vielfach vor Herrn Wurm. Der weiß nicht genau um die chinesischen Sitten und tut es Herrn Ping einfach gleich. Der Mann aus Fernost beginnt in seiner Sprache zu erzählen (Herr Wurm versteht natürlich kein Wort) und lacht dabei viel und ausgelassen, auch zeigt er eine Menge persönlicher Bilder (manchmal ist nur ein toter Hund darauf zu sehen, niemand weiß warum).
Auch Herr Wurm lacht und nickt freundlich mit dem Kopf. Erst nach 10 Minuten hört der Chinese damit auf. Er verneigt sich noch einmal freundlich vor Herrn Wurm, bevor 15 weitere Chinesen in den Raum stürmen und alle Arbeitsmaterialien des BusinessSuperVisor...(usw. eben) aus dem Raum schaffen. (Sie können sich vorstellen, wie verdutzt der gute Walter dabei schaut). Nach einer Weile ist der Raum völlig leer und die 15 Chinesen sind wieder verschwunden. Herr Ping hat nun ein kleines Musikinstrument in der Hand, worauf er eine kurze chinesische Volksweise für Herrn Wurm spielt (dabei wird wieder viel gelacht), dann ist auch er verschwunden. Herr Wurm schaut zum Fenster hinaus, wo gerade die Sonne aufgeht.
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1 Kommentare:
Danke für den Beitrag, aber bitte lass das nicht, ich bin sicher, dass es sich lohnt! Mach weiter!
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